'Norden und Süden'

von

Elizabeth Gaskell

Auszug

"Margaret konnte nichts für ihr Aussehen; aber die kurze, aufgeworfene Oberlippe, das runde, ausgeprägte, aufwärts gerichtete Kinn, die Art, wie sie den Kopf hielt, ihre von einer sanften weiblichen Aufsässigkeit zeugenden Bewegungen wirkten auf Fremde stets hochmütig. Sie war jetzt müde und hätte lieber geschwiegen und sich ausgeruht, wie ihr Vater es für sie geplant hatte; aber natürlich war sie es sich schuldig, sich wie eine Dame zu benehmen und von Zeit zu Zeit höflich mit diesem Unbekannten zu sprechen, der nach seiner rauen Begegnung mit den Miltoner Straßen und Menschen zugegebenermaßen weder zu geschliffen noch überhöflich war. [...] Sie saß ihm im Licht gegenüber; ihre ganze Schönheit offenbarte sich ihm; ihr runder, weißer, biegsamer Hals, der sich aus der femininen, doch geschmeidigen Figur erhob; ihre Lippen, die sich nur leicht bewegten, wenn sie sprach, und die den kühlen, gelassenen Ausdruck ihres Gesichts nicht durch irgendeine Veränderung der einen entzückenden, stolzen Kurve beeinträchtigten; ihre Augen mit ihrer weichen Dunkelheit, die den seinen mit ruhiger, mädchenhafter Freimut begegneten. Er sagte sich beinahe, dass er sie nicht mochte, bevor ihre Unterhaltung zu Ende war; er versuchte es, um sich selbst zu entschädigen für das demütigende Gefühl, das dadurch entstand, dass, während er sie mit nicht zu unterdrückender Bewunderung betrachtete, sie ihn mit stolzer Gleichgültigkeit ansah und ihn, wie er dachte, für das hielt, was er in seiner Gereiztheit selbst zu sein glaubte - ein großer, grober Kerl, der nichts Anmutiges oder Vornehmes an sich hatte. Ihre ruhige, kühle Haltung legte er ihr als Verachtung aus und nahm sie ihr in seinem Herzen so übel, dass er fast geneigt war, aufzustehen und zu gehen und nichts mehr zu tun zu haben mit diesen Hales und ihrer Arroganz." (S. 76 f.)


Klappentext

England in den Wirren der industriellen Revolution: die selbstbewusste, prinzipientreue Pfarrerstochter Margaret Hale zeiht mit ihren Eltern vom ländlichen Süden in eine aufstrebende Metropole im Norden. Nur langsam gewöhnt sie sich an den Rauch, den Lärm und den rauen Umgangston. Als sie den erfolgreichen Fabrikbesitzer John Thornton kennenlernt, wird er zur Zielscheibe ihrer Vorurteile. Noch ahnt sie nicht, welch einflussreiche Rolle er bald in ihrem Leben spielen wird.

Rezension

In 'Norden und Süden' hat man nicht nur die einerseits so altmodisch und andererseits so romantisch wirkenden Moralvorstellungen und Etiketten, sondern  auch größere Probleme. Es geht hier nicht nur um die alte Frage, ob sie sich kriegen, obwohl diese Frage nicht selten zu Schreien der Verzweiflung und Verzückung beim Lesen dieses Buches geführt hat, sondern ebenso, um das Verhältnis zwischen Arbeiter und Dienstherr, um nacktes Überleben, um Verzweiflung und Tod. Anders als beispielsweise Jane Austen, werden hier sehr ernste Themen angesprochen und auf teilweise schonungslose Art geschildert. Und diese Themen und die Art des Erzählens lassen den Leser schlicht nicht mehr los. Es beginnt recht ruhig und steigert sich dann fast bis zum Orkan und das macht es sehr schwierig das Buch wieder aus der Hand zu legen. 

Hinzu kommt etwas, das mich sehr überrascht hat: Hier gibt es Perspektivwechsel und Gedankengänge von Figuren! Man hat nicht nur die Frau, die sich verliebt  oder sich über jemanden lustig macht, wie bei Jane Austen (so sehr ich sie auch schätze), sondern kann auch mal schlicht mit dem Mann fühlen.

Natürlich gibt es auch in diesem Roman typenähnliche Figuren, aber diese bleiben eher auf die Nebenfiguren beschränkt, sind dabei nicht so stereotypisch, wie bei Jane Austen, schaffen es aber dennoch das Blut des Lesers in Wallung zu bringen, wenn sie sich auf die ein oder andere Art benehmen. Durch das weniger stereotypische sind sie - das muss man leider sagen -  wesentlich weniger amüsant und lächerlich als bei Jane Austen.

Ansonsten sind gerade die Protagonisten und die Figuren, die sehr häufig auftreten und mit denen die Protagonisten öfter unmittelbar zu tun haben, ausgesprochen gut ausgearbeitet, gut in ihren Handlungen und Idealen nachvollziehbar ohne dabei zu zweidimensional zu wirken.

Neben dem Text an sich, sind in dieser Ausgabe auch Fußnoten zur Erklärung, die manches Mal wirklich nötig sind, ein Geleitwort zu deutschen Ausgabe, sowie das Vorwort zur Originalausgabe.

Es gibt nur zwei Dinge, die mir negativ aufgefallen sind: Das erste ist das Format. Das Buch ist mäßig groß und die Seiten bleiben nicht einfach offen (zumindest bei der Taschenbuchausgabe), so dass man immer ein wenig damit zu kämpfen hat, wenn man es nun nicht gerade auf einer Unterlage ablegen kann. Und das zweite sind die grottig übersetzten Gedichte am Anfang eines jeden Kapitels... Aber das war auch alles, was ich finden konnte.

 

Ich war sehr enttäuscht, als es immer weiter gen Ende ging und bin froh, dass ich es hundert Seiten, bevor der Schluss da war, gleich noch einmal angefangen habe und damit die Geschichte noch einmal von vorn lesen kann.


Gadget

Der Film 'Norden und Süden' ist zwar durchaus sehenswert, hat aber eine ganze, ganze Menge sowohl innerhalb der Figurencharakterisierung, als auch in den Handlungsträngen verändert. 


Angaben zum Werk

Autor: Elizabeth Gaskell

Titel: 'Norden und Süden'

Originaltitel: 'North and South'

Übersetzung: Christina Neth

Verlag: Books on Demand

Erscheinungsjahr: 2014 (Erstveröffentlichung 1854)

Seitenzahl: 511 Seiten

Preis: 39,99€ (gebundene Ausgabe)

Sprache: Deutsch

ISBN: 978-3-73574-140-0


Link zum Verlag

Andere Stimmen

Der Blog der Übersetzerin Christina Neth zu Elizabeth Gaskell und 'Norden und Süden' mit aktuellen Nachrichten, beispielsweise zur Hörbuchausgabe, und sonstigen Informationen rund ums Buch und die Autorin.

Dabei ist anzumerken, dass die Seite nach und nach ausgebaut wird, so dass beispielsweise das Thema 'Religion', das besonders in 'Norden und Süden' gerade auch in Hinsicht auf die Glaubenskonflikte des Vaters der Protagonistin interessant zu lesen wäre, noch nicht zu finden ist.

 

 

 

 

Link zu Christina Neths Blog

Die Verschriftlichung eines Gesprächs zwischen der Übersetzerin Christina Neth und dem Blogger Paul Hübscher über Elizabeth Gaskell, deren Schreibsituation, aber auch warum Christina Neth ausgerechnet Gaskell übersetzte und warum das Werk bei Books on Demand erschien.







Link zum Gespräch zwischen Paul Hübscher und Christina Neth


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